Wo wir eben noch darüber sprachen, ob es Urban Fantasy ohne Love Story gibt, sollten wir noch kurz (mein kurz) über Urban Fantasy vs. Romantasy generell sprechen:
Was ist der Unterschied zwischen Urban Fantasy und Romantasy?
Lasst uns aber vorher noch einen Schritt mehr auszoomen, okay?
Sprechen wir über die Genres.
Was ist Urban Fantasy?
Urban Fantasy gehört zu den heute bekanntesten Subgenres der modernen Fantasy.
Definition gefällig? Man möchte meinen, es sei allgemein bekannt, was Urban Fantasy bedeutet. Magisches in der Gegenwart, übernatürliche Wesen in echten Städten. Und, früher besonders beliebt: fantastische Detective-Stories mit Ermittlungen in verborgenen Milieus voller zwielichtiger und nicht ganz menschlicher Gestalten.
Gleichzeitig sorgt der Genrename Urban Fantasy regelmäßig auch für einen Hauch Verwirrung.
Manche Bücher, die als Urban Fantasy verkauft werden, entpuppen sich als Liebesgeschichten mit magischem Hintergrund; oder die Fans streiten darüber, ob Zauberlehrlinge in heutigem Setting auch Urban Fantasy seien. Begriffe wie Romantasy, Dark Fantasy oder Paranormal Romance werden auch nicht selten im selben Atemzug genannt.
Klären wir deshalb kurz darüber auf:
- was Urban Fantasy eigentlich ist
- welche Merkmale das Genre auszeichnen
- worin der Unterschied zur Romantasy liegt
- wie wir als Leserinnen und Leser erkennen können, welche Art von Fantasy wirklich zu uns passt.
Urban Fantasy: Definition, Merkmale und Abgrenzung innerhalb der Phantastik
Ich habe neulich eine Leserin gefragt, wie sie Urban Fantasy definieren würde. Sie sagte:
„Es sind Fantasygeschichten, die in einer modernen, realitätsnahen Welt spielen, in die magische oder übernatürliche Elemente eindringen. Oft spielt der Kontrast zwischen Alltag und Magie/Übernatürlichem eine wichtige Rolle.“
Und das stimmt. Urban Fantasy erzählt Geschichten, die passieren, wenn Magie nicht in einer fernen Welt existiert, sondern mitten im vertrauten Leben.
Dabei gibt es das Genre in voller Pracht erst seit den 1980er Jahren. Die damalige Welle aus Magischem Realismus mit einem Hauch Cyberpunk beeinflusste solche Werke wie „Die Tore zu Anubis‘ Reich“ von Tim Powers oder Emma Bulls‘ „War of the Oaks“. Und wie es in durchschnittlich guten Dokus so heißt: Das Genre war geboren.
Typische Merkmale von Urban Fantasy
Auch wenn Urban Fantasy (wie wir gleich noch mal sehen werden) sehr vielfältig ist, lassen sich wiederkehrende Merkmale erkennen:
1. Moderne Settings
Der Name verrät es. Urbane Settings in je nach Wunsch illustren/desolaten/gefährlichen/unruhigen Metropolen sind das A und O des Genres. Keine City — keine Urban Fantasy. Gegenparts: Rural Fantasy (spielt auf dem Land), High Fantasy (Tolkien und Co.).
Ein bisschen Stadt muss sein.
2. Übernatürliches Geschehen
Werwölfe, Hexen, Dämonen, Feen, Vampire, Gottheiten, Engel, Orks und Co. treiben ihr schauriges/cooles/mörderisches/dröges Unwesen.
Wobei ich persönlich ein Problem mit dem Wort „übernatürlich“ habe. Das ist wohl kaum deren Selbstbeschreibung, oder? Und deshalb nennen sich diese Wesen bei mir „Ursprüngliche“, da sie länger als der Mensch auf Erden wandeln und sich selbst wohl als verdammt natürlich sehen!
3. Moralische Grauzonen
Durch die Nähe des Genres zu Noir-Geschichten à la Hardboiled Detectives sowie zu Cyberpunk zeigen sich die Akteure oft von überraschenden Seiten: Nicht jeder Sukkubus erweist sich als dämonisch und böse, nicht jeder (magische) Gesetzeshüter ist eine ehrliche Haut.
Dadurch ergibt sich nebst einer ganzen Palette für mögliche Trope-Subversionen auch viel Material für Plottwists.
Der hardboiled detective-MC findet sich übrigens auch öfter als zentrales Element wieder. So reihen sich auch ein Owen Greene und eine Mara George ein bei solchen (mehr oder minder) ermittelnden Protagonistinnen und Protagonisten wie Anita Blake, Mercy Thompson und Harry Dresden.
4. Zweigeteilte Welt
Oft — die Ausnahmen bestätigen die Regel — zeigt sich die Welt in einem Urban-Fantasy-Roman geteilt in zwei; die menschliche und die übernatürliche. Die Letztere bleibt (in den meisten Fällen) den Menschen verborgen.
Dabei kann diese verborgene Welt je nach Story überall residieren, in prunkvollen Stadtpalästen und CEO-Etagen, in verruchten Nachtclubs oder sogar auf Müllhalden und in verlassenen Fabriken.
5. Nähe zu anderen Genres
Urban Fantasy überschneidet sich oft mit Thriller, Mystery oder Krimi auf der einen, mit Paranormal Romance, Cyber- und Steampunk, Funtasy, SciFi und Co. auf der anderen Seite.
In den Nullerjahren beispielsweise tendierte der UF-Roman zum Vampirroman mit einer Dosis Paranormal Romance — es grüßen aus den Südstaaten der USA Sookie Stackhouse im Liebesdreieck mit den Vampiren Bill und Ted Erik und aus San Fran die Vampirin Jody (die aberwitzige Trilogie um sie und das sympathische Landei Thommy mit Schriftstellerambitionen fing 1995 an und endete 2010).
Wollen Sie mit uns über ✨Genre✨ sprechen?
Ordnen wir die Urban Fantasy doch mal literaturwissenschaftlich ein.
Fantasy (an sich) ist ein Subgenre der Phantastik.
Als studierte Germanistin möchte ich an dieser Stelle auch gar nicht das Rad neu erfinden und bediene mich der Gliederung der
Subgenres der Phantastik und der Fantasy nach T. Todorov: eine Übersieht
Die Phantastik umfasst danach die drei großen Subgenres Fantasy, Horror und Science Fiction sowie alle Unterströmungen dieser drei Subgenres.
Daneben umfasst die Phantastik die eigentliche klassische Phantastik (man denke an E. T. A. Hoffmann), magischen Realismus (mein liebster Vertreter: Mihail Bulgakov) und skurrile Werke des New Weird.
Die Erzählrichtungen Doomer Lit und Grimdark sowie Hopepunk sind in dieser Einteilung keine Subgenres, sondern beschreiben die Art des Erzählens: düster und aussichtslos die Ersteren, optimistisch die Letztere.
NB: Die relativ neue Gattung Slipstream erwähne ich allerdings nur der Vollständigkeit halber hier — ich bin noch selbst dabei, mit dazu eine Meinung zu bilden.
NB2: Wenn du dir lieber Sci-Fi gibst, YouTuber Daniel Greene hat ein Hammer-Video zum Thema 7 Vibes of SciFi.
Fantasy-Subgenres
Und jetzt schauen wir eine Ebene tiefer — was alles fäll denn unter Fantasy-Literatur?
Als ein Subgenre der Phantastik umfasst Fantasy mehrere Richtungen:
1. Klassische Fantasy
Hier finden wir High Fantasy und Epic Fantasy, die sich durch vollständige Weltentwürfe mit eigenen Schaffensmythen („Lore“), Religionen, Sprachen, Magiesystemen und natürlich Konflikten von epischem Ausmaß auszeichnen. Sehr oft angelehnt an ein unspezifisches europäisches Mittelalter nach Art der RenFairs.
2. Horrornah: Dark Fantasy
Dark Fantasy, Gothic Fantasy, Quiet Horror: diese Subgenres sind düster, gruselig oder schaurig. Dark Fantasy sehe ich persönlich häufiger im Grenzbereich zu High/Epic Fantasy; Quiet Horror kann Überschneidungen zu Urban Fantasy aber auch zu SciFi zeigen. Und Gothic Fantasy ist wiederum ein sprechender Name.
3. Sword & Sorcery
Früher als „Low Fantasy“ bezeichnet.
Neben eigentlichem und ziemlich selbsterklärendem Sword & Sorcery gehören hier Heroic Fantasy (Conan, der Barbar, lässt grüßen) und Pulp Fantasy dazu. Verwandte Subgenres sind u. a. Sword & Planet oder Sword & Sandal. Der Fokus liegt hier auf Abenteuer, Einzelhelden, direkte Konflikte; weniger auf epische Darstellungen der High Fantasy.
4. Portal Fantasy
Ist nicht nur ein guter alter Klassiker („Alice im Wunderland“, „Der König von Narnia“, „Ein Yankee aus Connecticut am Hof von König Artus“), sondern auch ein bei Anime/Manga extrem beliebtes Subgenre: Der Ich-Erzählende stirbt in seiner Welt (oder verlässt sie anderweitig), um in einer neuen Welt als er selbst oder in einer neuen Form für Unruhe zu sorgen. Ein Wunder der Natur!
5. Contemporary Fantasy
Na endlich! Neben Elfpunk und Mythpunk sind wir endlich bei Urban Fantasy und ihrer vorhin kurz erwähnten ländlichen Schwester Rural Fantasy angekommen.
6. Historical Fantasy
Echte Geschichte/alternative Geschichte dient hier als Basis für einen Fantasy-Plot. Auch Retellings der Geschichten um König Artus und die Tafelrunde sowie viele Steampunk-Romane fallen unter diese Kategorie.
Historical Fantasy ist dankenswerterweise nicht zwangsläufig europazentrisch, ein Tipp an der Stelle: She Who Became the Sun von Shelley Parker-Chan.
7. Cosy Fantasy, Funtasy, Light Fantasy
Von leichtem Humor bis zur bösen Satire: Humoristische Fantasy entführt nicht nur in eine fantastische Welt, sie unterhält auch mit Wortwitz und oft mit Elementen der Parodie.
Neben Terry Pratchett gehören hier auch der oben schon zitierte Portal-Fantasy-Roman von Mark Twain Ein Yankee am Hofe des König Artus, die Zamonien-Reihe von Walter Moers, der ebenfalls bereits erwähnte Christopher Moore (von dem neben der Lange Zähne-Trilogie auch scheinhistorische und satirische Romane wie Die Bibel nach Biff, Fool und Der dümmste Engel stammen, allesamt lesenswert und maximal unterhaltsam, wenn du absurde Situationen und reinen Klamauk magst).
8. Ein Streitfall: Paranormal Fantasy
Ich hab spaßeshalber „Paranormal Fantasy“ bei Ecosia eingetippt … Was für ein Salat aus Definitionen! Manche sehen Paranormal Fantasy als Synonym zu Urban Fantasy, andere finden, dass Paranormal immer mit einer Romance-Komponente daherkommt …
Für mein Verständnis ist der Unterschied aber klar:
Paranormal Fantasy — gruseliges/übernatürliches Geschehen ohne aktive Magiewirkung, d.h. Geistererscheinungen, Spuk, Übersinnliches, UFOs, Kryptide wie der Bigfoot usw.
Urban Fantasy — fantastische Gestalten unter uns im Alltag.
Paranormal Romance — dasselbe wie Paranormal Fantasy, nur mit Beziehungsplot(s) und eigentlich Untergenre von Romantasy …
Was für eine Überleitung zum nächsten Punkt!
9. Romantasy
Romance ist der Hauptplot, Fantasy ist der Rahmen? Tadaa, wir sind im Bereich von Romantasy angekommen!
Hier geht es um eine oder mehrere Beziehungen zwischen Mensch & Kreatur. Als Subgenres werden noch Romantic Fantasy, Fantasy Romance, Paranormal Romance und sogar Romantic Thriller verstanden. Wo die Liebe halt hinfällt.
10. Fantasy Krimi/Fantasy Noir/Fantastic Noir
Auch als Occult Detective bezeichnet (was für ein Name!), setzt dieses Subgenre sozusagen auf die Anfänge der Urban Fantasy. Und auch wenn „Noir“, Schwarz also, im Namen steckt — es ist etwas ganz anderes als Dark Fantasy.
Rivers of London, Dresden Files, diese und andere Werke eint der Vorrang eines Kriminalfalls plus die düstere, oft urbane Atmosphäre eines Roman Noir oder Film Noir: ein abgebrühter Detective. Eine fatale Femme. Mafiabosse, Feenlords, moralisch graue Charaktere und viiiiiel, viel Platz für Plottwists oder aber für gelungen präsentierte Genrepastiches.
11. Fairytale Fantasy, Animal Fantasy
Subgenres, die sich mit Märchen(retellings), modernen Märchen oder aber Erzählungen rund um anthropomorphe, also menschenähnliche Tiere befassen.
Urban-Fantasy-Grenzgenres und -Abgrenzung
Urban Fantasy kann Berührungspunkte zum Magical Realism, zur Fantastik, zur Weird Fiction, zum Surrealismus, zu Science Fantasy oder Science Fiction haben … Letztendlich kann man sich sein Genre als schreibende Person so zurechtpuzzeln, wie man mag — die Intention ist natürlich immer, dass das Werk sein Publikum besser finden möge.
Wo steht Urban Fantasy also innerhalb der Fantasy?
Kurz & klar:
Urban Fantasy ist kein Mischgenre, sondern ein klar definiertes Subgenre innerhalb der Phantastik, das sich durch drei Kernmerkmale auszeichnet: Moderne Welt x urbanes Setting x fantastische Elemente.
Auch wenn Urban Fantasy sehr vielfältig sein kann, diese drei Elemente sind sinngebend. Ohne sie ist es keine UF. Etwaige Überschneidungen mit Krimi, Thriller usw. ergeben sich aus der Art der Geschichte und sind nicht zwingend.
Aber warum finde ich unter Urban Fantasy eher Paranormal Romance/Romantasy?
Urban Fantasy ist kein Romance-Genre. Das haben wir ja etabliert. Liebesgeschichten sind möglich, aber nicht notwendig.
Viele klassische Urban-Fantasy-Reihen kommen ganz ohne romantischen Hauptplot aus oder behandeln Beziehungen lediglich am Rand. Der Kern des Genres liegt in Konflikten zwischen Mensch und Übernatürlichem, in den Bedrohungen im urbanen Raum, in Identitätsfragen, in Machtstrukturen, die es oft zu überwinden, und Geheimnissen, die es zu lösen gilt.
Dass Urban Fantasy heute häufig romantisch wahrgenommen wird, liegt weniger am Genre selbst als an Markttrends und Vermischungen mit anderen Subgenres.
Romantasy ist schließlich auch ein eigenständiges Subgenre, in dem die Liebesgeschichte den zentralen Handlungsstrang bildet. Die Fantasy-Elemente dienen dabei als Rahmen für eine romantische Beziehung, nicht umgekehrt.
Typisch für Romantasy sind eine emotionale Liebesgeschichte als Hauptplot, romantische Konflikte als treibende Kraft, häufige Nutzung bekannter Romance-Tropes und schließlich eine Fantasy-Welt als Kulisse.
Beide Genres sind legitim, sie verfolgen lediglich grundlegend unterschiedliche erzählerische Ziele.
Warum werden Urban Fantasy und Romantasy so oft verwechselt?
Die häufige Verwechslung hat mehrere Gründe: Marketingentscheidungen sind der häufigste. Romantasy verkauft sich aktuell besonders gut. Dadurch entsteht schnell der Eindruck, andere Geschichte gäbe es nicht. Der Eindruck täuscht 🙂
Algorithmische Sichtbarkeit ist ein weiterer Grund, der eben die Auffindbarkeit beeinflusst. Social-Media-Plattformen bevorzugen stark emotionalisierte Inhalte — Romantasy ist einfach deutlich sichtbarer als ihre „unromantische“ Schwester Urban Fantasy.
Unscharfe Kategorisierung im Buchhandel ist ein weiterer Grund. Bücher verschiedenster Subgenres werden oft zusammengelegt, es kann der Eindruck entstehen, alle Fantasy sei Romance.
Das Problem ist also nicht die Existenz von Romantasy, sondern die reduzierte Sichtbarkeit von Urban Fantasy ohne Romance.
Gibt es also Urban Fantasy ohne Romantik?
Jawohl, und zwar seit Bestehen des Genres.
Urban Fantasy ohne Liebesgeschichte existiert. Ob Urban-Fantasy-Thriller, ob Mystery-Fantasy, ob düstere Gegenwartsfantasy oder als kriminalistisch geprägte Urban Fantasy.
Diese Bücher stellen nicht die romantischen Beziehungen, sondern Spannung, Atmosphäre, Ermittlungen oder moralische Konflikte in den Mittelpunkt.
Sie sind auch keine neue Entwicklung; sie sind lediglich schwerer zu finden geworden.
Für wen eignet sich Urban Fantasy besonders?
Urban Fantasy ist ideal für Leserinnen und Leser, die:
- Fantasy in modernen Settings mögen
- Spannung statt Romantik suchen
- sich für urbane Mythologie interessieren
- düstere oder realistische Tonlagen bevorzugen
- Fantasy mit Thriller- oder Krimi-Elementen lesen möchten
- bestimmte Orte lieben und gerne Bücher lesen, die dort spielen wie z. B. in Berlin.
Wer gezielt Fantasy ohne Liebesgeschichte sucht, findet im Urban-Fantasy-Genre zahlreiche passende Strömungen.
Fazit: Zwei Genres, zwei unterschiedliche Erwartungen
Urban Fantasy und Romantasy sind keine konkurrierenden Genres, sondern bedienen unterschiedliche Leseerwartungen.
Ich hoffe, die Genreübersicht in diesem Artikel hat euch geholfen, Fantasy-Subgenres nach eurem Geschmack zu finden. Vielen Dank fürs Lesen und bis zum nächsten Mal!

