„Gibt es Urban Fantasy ohne Liebesgeschichte?“
Als ich über solche und ähnliche Fragen in Online-Diskussionen unter Fantasyfans gestoßen bin, klang es für mich so, als sei (Urban) Fantasy ohne Romantik eine Randerscheinung. Aber … Ist dem so?
Spice, lass nach: Fantasy ohne Romantasy – wenn „erwachsen“ nicht für „xxx“ steht
Urban Fantasy ist ein etabliertes Genre. Magie im urbanen Raum, übernatürliche Wesen im Verborgenen, Konflikte zwischen Alltag und Fantastik; all das ist für viele Leserinnen und Leser fester Bestandteil moderner Fantasy.
Urban Fantasy ohne Romance hingegen ist kein eigenes Genre, es ist vielmehr eine Erwartung der Lesenden, die den Online-Foren zufolge aber scheinbar nicht ganz so üppig bedient wird wie das Romantasy-Genre. Und das übrigens nicht erst seit gestern.
Gleichzeitig hat sich in den vergangenen Jahren dank BookTok und Co. eher der Eindruck verfestigt: Wer (Urban) Fantasy liest, liest automatisch auch Romantik. Liebesgeschichten, Beziehungsdramen und romantische Spannungsbögen sind in vielen Neuerscheinungen nicht nur präsent, sondern zentraler Bestandteil der Handlung.
Aber was ist nun, ist Urban Fantasy ohne Liebesgeschichte selten?
Jein. Und hier meine drei Cents dazu.
3 Urban Fantasy ohne Romance in 2026
1. Lesepräferenz versus Misogynie
Das für mich persönlich Schlimmste an der Diskussion um Romantasy ist der Ton, der eher unsachlich ist und das Thema leider immer noch mit prägt.
„Ich lese gern Fantasy ohne Romance …“
Wenn ich sage, dass ich keine Romantasy lese, mache ich das, weil das schlicht meine Lesepräferenz ist.
Die Protagonistinnen und Protagonisten sind für mich wie Freunde, und Freunden muss ich nicht in deren Intimspäre folgen. Erwachsene Menschen tun erwachsene Dinge (außerdem essen sie, gehen auf die Toilette, haben andere physiologische Ereignisse), dessen bin ich als Leserin gewahr. Aber ich muss ihnen dabei nicht zusehen.
Auch feiere ich AroAce-Charaktere und bin … doch, ja, schon noch enttäuscht, wenn diese plötzlich jemandem leidenschaftlich verfallen.
Kurz zusammengefasst: Aragorn und Arwen in Der Herr der Ringe-Trilogie – das ist das Level an Romance, das für mich angenehm und komfortabel ist. Und damit bin ich nicht allein.
Und diese Leseerwartung hat nichts damit zu tun, dass ich alles mit mehr oder weniger Spice abwerten würde. Nein. (Urban) Fantasy ohne Romantasy lesen zu wollen ist eine valide Leseerwartung.
Doch es geht leider auch anders, und das will ich am Rande erwähnen.
Haha, FrAuEnBüChEr!
Zu oft wird das Subgenre Romantasy nämlich pauschal als „Frauenliteratur“ abgewertet, natürlich verbunden mit der implizierten Annahme, romantisch geprägte Geschichten seien weniger anspruchsvoll, literarisch minderwertige „Bumsbücher“ (für das Wort danke an catszplay).
Geschrieben von Frauen, gelesen von Frauen — manch ein hauptberuflicher Literaturkritiker meint da wohl, die Pointen schrieben sich von selbst.
Und ja, betroffen von der unfairen Kritik sind eben nicht die Bücher an sich, sondern eben die Autorinnen UND die Leserinnen.
Dieses Insta-Reel drückt es perfekt aus, ich fasse die Aussage kurz zusammen: „Frauen sehnen sich nach Geschichten, in denen sie geliebt werden, und alles, was Männern dazu einfällt, ist, sich darüber lustig zu machen.“
Natürlich ist die Verallgemeinerung nicht fair und auch sehr oft schlicht nicht zutreffend.
Ob Romance ohne Fantasyaspekte oder eben Romantasy, die sich von Urban Fantasy bis Dark Fantasy und darüber hinaus spannt, kann hervorragend geschrieben sein, ebenso wie jede andere Form von Fantasy ohne Romantik.
2. Writing to market und Copycat-Strukturen
Wie bei jedem erfolgreichen Trend reagiert natürlich der Markt.
Das war nach Harry Potter so, als plötzlich zahllose Romane über magische Internate erschienen. Es wiederholte sich auch nach der Verfilmung von Die Tribute von Panem, als dystopische Jugendromane scheinbar in Serie produziert wurden.
Romantasy bildet hier keine Ausnahme. Wer heute nach Urban Fantasy für Erwachsene sucht, wird sich zahlreichen Spice-Rabbit-Holes auf BookTok, Bookstagram und weniger auf Booktube ausgesetzt sehen.
Verlage wollen eben bedienen, was sich verkauft. Autorinnen werden ermutigt, bestehende Erfolgsformeln aufzugreifen und sich für „writing to market“ zu entscheiden. Teilweise entstehen Bücher unter enormem Zeitdruck oder sogar in Teamproduktionen, die stärker auf Marktmechanik als auf erzählerische Vision ausgerichtet sind.
Das Ergebnis sind aber vorrangig Texte, die bekannte Tropes reproduzieren, ohne sie weiterzuentwickeln. Nicht weil Romantasy grundsätzlich oberflächlich wäre – sondern weil Copycat-Literatur selten Raum für Tiefe lässt. Das ist nicht ihr Zweck. Sie bedient lediglich eine bestimme Leseerwartung.
Für Leserinnen und Leser der romancefreien Fantasy entsteht dadurch aber schnell der Eindruck, alles klinge gleich. Für jene, die bewusst nach Fantasy ohne Liebesgeschichten suchen, wird das Angebot zunehmend schlicht unübersichtlich. Wir bekommen schnell den Eindruck, dass Bücher ohne Romance-Plot überhaupt nicht mehr verlegt werden.
Auf Reddit beschwert sich beispielsweise jemand darüber, bei der Suche nach einem neuen Buch zu verzweifeln und immer mehr einen Vorurteil gegenüber Büchern mit weiblichen Hauptprotagonistinnen zu entwickeln. Derzeit sei einfach zu viel „Herzschmerz“ in der Fantasy zu finden.
Und da spielt noch ein weiterer Faktor eine wichtige Rolle, nämlich …
3. Verwaschene Genregrenzen und falsche Vermarktung
Jepp. Ein weiteres Problem liegt in der zunehmenden Unschärfe der Genrebegriffe.
Fantasy, Urban Fantasy, Romantasy, Dark Fantasy, Dark Romance – all diese Labels existieren nebeneinander, werden jedoch nicht immer konsistent verwendet. Liegt sicher auch in der Natur der Sache, denn gerade spannende, innovative Geschichten tendieren dazu, Genrekonventionen zu verbiegen.
Der von Algorithmen betriebene Buchmarkt kann seine Produkte — also Bücher — allerdings eher schlecht mehreren Subgenres gleichzeitig zuordnen. Die Suchmaschinen, die inzwischen zwar Semantik „begreifen“, haben bei ihrem „Verständnis“ dennoch eingebaute, werblich bedingte Grenzen. In der physischen Buchhandlung wiederum ist die Zuordnung schon immer etwas gröber gewesen, denn „Fantasy“ war dort ein Regal für alles, logisch.
Das alles wäre auch gar nicht so schlecht zum Finden eines Wunschbuches, wenn wir als Lesende einfach nach Urban Fantasy ohne Romantik suchen und finden könnten … wäre da nicht noch ein klitzekleines Detail, das uns daran hindert.
Denn man sortiert verlagsseitig ein Buch gerne mal in ein „erfolgreicheres“ Genre ein, obwohl der inhaltliche Fokus woanders liegt. Warum? Aus Marketinggründen. So wird einer Autorin oder einem Autor schonmal nahegelegt, etwas Love Story in ihre Kapitel einzustreuen – oder wird beim Vermarkten des Buchs der Benefit „keine Romance“ konsequent unterschlagen.
In einer Threads-Unterhaltung zum Thema sagt eine Userin beispielsweise, dass sich Fantasy ohne ordentliche Portion Romance kaum an Verlage verkaufen lässt.
Und Hand aufs Herz, wie oft hatte das Buch, das du liest, nicht mal was mit dem eigenen Klappentext zu tun?
Das Ganze ist also weniger ein Qualitätsproblem als vielmehr ein Auffindbarkeits- und ein Erwartungsproblem.
Die Frage „Gibt es Urban Fantasy ohne Romantik?“ ist also natürlich mit JA zu beantworten. Urban Fantasy ohne Romance verschwindet in diesem Nebel nicht, weil sie nicht existiert, sondern weil sie nicht immer leicht zu identifizieren oder zu finden ist.
Aktuelle Urban Fantasy ohne Liebesgeschichte (0 %)
Gibt es Urban Fantasy ohne Romance überhaupt noch oder ist Romantasy heute Standard?
Die Antwort lautet: JA! Und: Keinesfalls!
Übigens ist der Wunsch nach Urban Fantasy ohne romantischen Schwerpunkt nicht einmal neu. Beweis? Ein 12 Jahre alter Thread auf Lovelybooks.
Glaubt also nicht eine Sekunde, ihr stündet mit euren Wünschen alleine da. Ihr wollt Urban Fantasy ohne Romantik lesen — und wir wollen Urban Fantasy ohne Romantik schreiben!
Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob es solche Geschichten gibt, sondern ob Lesende und Autorinnen zueinander finden. Und das ist unter anderem eines meiner Lieblingsthemen.
Ich kann euch also anhand aktueller Beispiele (zugleich Leseempfehlungen) zeigen, wie vielfältig Urban Fantasy ohne Liebesgeschichte sein kann:
Buchtipp 1: Urban Fantasy ohne Romantik, aber in cosy
Mundus Litterarum — Bücher haften an ihren Lesern von Julia Vogt.
Was ist es und worum geht’s?
Eine rasante, charmant erzählte, stellenweise emotionale und dann wieder humorvolle Geschichte, in der ein Buch seine Besitzern verfolgt. Der Clou: Sie liest nicht gern. Das einzige Buch in ihrem Haus ist das verstaubte Telefonbuch aus dem Supermarkt. Aber scheinbar sucht das geheimnisvolle, in altes Leder eingeschlagene Buch mit einer befremdlichen Weltkarte genau sie!

Die gediegene Atmosphäre von Bad Pyrmont, in die plötzlich allerhand magische Wesen eindringen, passt dabei hervorragend zum spannenden, dennoch cosy angelegten Plot.
Das Wiedersehen mit altbekannten Sagen- und Märchengestalten macht Spaß: Piraten, Samurai, Nixen, Magier, dazu kleine fiese Bestien aus der Mythologie … Es bleibt spannend bis zum Schluss, über die Konfrontation mit der aparten Villainess hinaus. Und ob die Protagonistin das Lesen für sich entdeckt?
Tja, dazu müsst ihr Mundus Litterarum schon lesen.
Buchtipp 2: Urban Fantasy ohne Romantik, aber in düster
Akarou – Dämonen in Berlin von Caroline Christen.
Was ist es und worum geht’s?
Urban Fantasy mit starkem Berlin-Bezug (Köpenick), Coming-of-Age, übernatürliche Konflikte und … eine Behörde für dämonische Angelegenheiten (BfdA). Denn wir sind hier in Deutschland: Alles will geregelt sein. Nur seit wann scheren sich Dämonen um menschliche Regeln?

In Akarou folgen wir einer Protagonistin, die nicht nur plötzlich entdeckt, dass sie Dämonenblut in sich trägt und damit fertigwerden muss, sondern auch irgendwann von einem bösartigen Tattoo befallen wird, welches seine Opfer binnen 24 Stunden tötet.
Humor wechselt sich hier mit Action und schlagfertigen Dialogen ab. Sehr unterhaltsam mit 0 % Romance und dabei sehr eigensinnigen Charakteren jenseits der üblichen Heldentruppen-Besetzung.
Übrigens, wer hooked ist und weiterlesen will: Teil 2 erscheint 2026.
Buchtipp 3, schamlose Eigenwerbung
MONDFALTER von Nath Fedorova (hach, das bin ja ich).
Was ist es und worum geht’s?
Ein in Berlin spielender Urban-Fantasy-Krimi mit teils düsteren Thriller-Elementen, Fragen nach der eigenen Identität und schwarzmagischer Gewalt zwischen Alt-Berlin und Zehlendorf. Auch hier steht keine Liebesgeschichte im Zentrum, sondern die Konfrontation mit verdrängter Vergangenheit, einer schmerzhaften Selbst(wieder)finding und einer kriminalistischen Ermittlung.
Dazu kommt: Die Ich-Erzählerin kann nicht lügen. Aber ist sie wirklich zuverlässig? Das müsst ihr schon selbst rausfinden.

Übrigens: Alle drei Bücher wurden unabhängig veröffentlicht. Support your local storyteller!
Schon diese drei Bücher zeigen: Urban Fantasy ohne Romantik ist keine Ausnahmeerscheinung.
Sie ist vorhanden, aber sie benötigt Sichtbarkeit, selbstbewuste Kommunikation und korrekte Vermarktung. Sie benötigt Autorinnen und Autoren, die darüber sprechen.
Und natürlich Leserinnen und Leser wie euch, die die Suche nicht aufgeben und auch jenseits der Großverlage Buchentdeckungen wagen.

