Urban Fantasy in Berlin: moderne Fantasy aus Deutschland 

Berlin. Da heult irgendwo eine Sirene; die U-Bahn rattert unter der Straße und jagt heiße, stickige Luft über den Bürgersteig; aus einem Hinterhof hörst du Stimmen, deren Stimmung oder gar Sprache du nicht deuten kannst.

Es sind diese Zwischenräume, in denen Berlin sich so plastisch zeigt. Orte, an denen du das Gefühl bekommst, dass mehr existiert als das, was sichtbar ist. Wo die Geschichte sich etymologisch korrekt in Schichten offenbart.

Für mich ist genau das der Grund, warum Urban Fantasy hier so gut funktioniert. Ich kenne ganz gewiss nicht alle in Berlin spielenden Urban-Fantasy-Bücher … erst recht nicht alle Urban-Fantasy-Autorinnen und -Autoren aus Berlin.

In diesem Beitrag will ich dennoch eine Lanze dafür brechen, dass Berlin mehr ist als eine Kulisse.

Auch in meinem Buch — MONDFALTER — ist die Stadt mehr als der Ort des Geschehens. Berlin ist ein eigenständiger Akteur, die Stadt kommt wie eine stumme aber nicht stille Protagonistin daher.

Aber eins nach dem anderen!

Was Urban Fantasy eigentlich ist – und warum der Ort entscheidend ist

Ein Genre mit Charakter

Urban Fantasy beschreibt Geschichten, in denen das Fantastische in unsere reale städtische Welt einbricht.

Die magische/dämonische/fantastische Story existiert so nicht in fernen Königreichen, sondern zwischen Mietshäusern, Bahnhöfen, EKZs und Bürogebäuden. Übernatürliche Wesen leben nicht irgendwo „unter dem grünen Hügel“, sondern mitten unter uns, mal mehr, mal weniger verborgen.

Und genau hier liegt ein häufiges Problem des Genres aus meiner Sicht:

Viele Städte bleiben bloße Kulisse. Der Name und die Koordinaten ändern sich, doch Atmosphäre, Konflikte und Figuren könnten ebenso gut irgendwo anders existieren.

Dabei lebt Urban Fantasy von Nähe. Je realer der Ort, desto stärker die Reibung zwischen Alltag und Magie. Eine Geschichte verändert sich, wenn sie nicht nur in einer Stadt spielt, sondern aus ihr heraus erzählt wird; wenn sie woanders keinen Sinn ergibt. Die Harry-Dresden-Reihe von Jim Butcher wird besonders realistisch dank der Atmosphäre und Geschichte von Chicago; N.K. Jemisins Great Cities-Serie macht New York auf eine fantastische Weise mehr als lebendig.

Es muss nicht immer eine Dystopie sein

Moderne Fantasy braucht genau diese Verankerung in der Realität.

Denn UF funktioniert dann am besten, wenn sich das Fantastische nicht wie eine Flucht anfühlt, sondern wie eine Verstärkung der Realität. So kann es die Urban Fantasy in puncto Relevanz mit der Gegenwartsliteratur aufnehmen und Themen aus Politik und Gesellschaft glaubhaft aufgreifen.

Warum Berlin ein ideales Setting für Urban Fantasy ist

Berlin: Geschichte, Kampf, Narben

Berlin ist anders als die meisten Städte. Berlin besteht geografisch aus Stücken (im Ernst, es gibt nicht wirklich so etwas wie DIE historische Altstadt, wie etwa in Köln, Dresden, Hamburg oder München). Berlin besteht auch historisch, sozial und emotional aus Stücken — ich will keine ausgelutschten Vergleiche bemühen, deshalb lass ich das mit dem Flickenteppich.

Oft habe ich Berlin in der Vergangenheit als einen Riss in Raum und Zeit beschrieben. Erst in Artikeln, später auch im MONDFALTER. Hier ein Zitat aus dem Buch:

Berlin ist für mich kein Ort. Für mich ist Berlin ein Riss in Raum und Zeit und sieht auch oft so aus.

Die Vergangenheit der Stadt liegt in Berlin nicht unter der Oberfläche verborgen, sondern ragt sichtbar in den Alltag hinein. Ob die metallisch schimmernden Stolpersteine, die an die Opfer aus der Nazizeit erinnern, ob die narbengleiche Spur der Berliner Mauer, vielerorts fühlst du dich, als würden mehrere Zeiten gleichzeitig existieren und in dein Bewusstsein ragen.

Berlin ist eine Erinnerungsdruse, schimmernd, offen, kantig und deshalb auf eine eigene Art faszinierend.

Urban Fantasy über den Dächern von Berlin

Und genau deshalb ähnelt Berlin als Stadt dem Kern von Urban Fantasy:

Unsichtbare Welten, verdrängte Wahrheiten, Dinge, die immer da waren, aber nicht gesehen werden wollten.

Magie passt in diese Stadt.

Berlin ist geprägt von Brüchen und Verlusten, Triumphen und Tragödien, Einheit und Konflikt, Bruch und Neubeginn. Eine Stadt, in der Identität nie stabil ist, weder individuell noch kollektiv. Für fantastische Geschichten ist das kein Hindernis, sondern ein Resonanzraum.

Berlin pur, besser für Urban Fantasy als „neutrale Großstadt“

Viele Urban-Fantasy-Romane greifen auf Städte zurück, die selbst mythologisiert sind. London = geheimnisvoll, New York = überlebensgroß. Diese Orte bringen bereits eine erzählerische Aura mit.

Berlin funktioniert anders.

Die Stadt ist roh, unbequem. Sie lässt sich nicht verklären, ohne unglaubwürdig zu werden. Das klappt mit London, New York, New Orleans. Berlin wird sein „nee, lass ma‘“-Image, seinen Ruf, sich nicht zu kümmern, wohl niemals abschütteln.

Gerade deshalb eignet sich Berlin für düstere, realistische Urban-Fantasy-Geschichten, die sich näher an Krimi und Thriller bewegen als moderner Stadtromantik mit viktorianisch-steampunkigem (London), cool-schlaflosem (New York) oder dem vampirisch-teuflischen Flair von New Orleans. Wunderschön. Magnetisch. Idealisiert. Nicht falsch verstehen: liebe ich. Verschlinge ich. Doch mit Berlin funktioniert diese Verklärung nicht und wirkt wie ein Abklatsch.

In Berlin darf Magie schmutzig sein. Gefährlich. Moralisch ambivalent, vollkommen chaotisch, sinnfrei. Die zweigeteilte Stadt war jahrzehntelang im Griff der Geheimdienste, geprägt vom Mystizismus des 3. Reichs … Selbst Actionfilme oder -Serien können oft nicht umhin, hier mystische Elemente zu finden.

Ein Junkie und ein Drogendealer, ein Diplomat und ein Menschenhändler, ein Freier und ein Erbe könnten hier in einem Späti aufeinandertreffen und sich in nur zwei Personen manifestieren, und: Du wüsstest nicht auf Anhieb, wer von denen wer ist. Hier passieren so unglaubliche Geschichten, dass ein Werwolf in Kreuzberg vermutlich niemanden erschüttern wird. (Weniger jedenfalls, als ein vermeintlicher Löwe in Brandenburg.)

Urban Fantasy in Deutschland

Hat der deutsche Buchmarkt Angst vor Genre?

Fantasy hatte es im deutschsprachigen Raum im der Zeit nach E.T.A. Hoffman, Goethe und Heine eher schwer. Das Genre galt entweder als Eskapismus oder als Literatur für ein junges Publikum. Nur wenige Phantastik-Autoren galten als Kult-Größen, etwa Michael Ende. Auch Hennen, Hohlbein und Heitz sind Namen, auf die die Buchbranche setzt. Doch sonst?

Die starke Trennung zwischen sogenannter Unterhaltungsliteratur und „ernsthafter“ Literatur war lange stark in Deutschland. Urban Fantasy war eher schwer bei Verlagen unterzubringen.

Ich erzählte ja bereits davon, dass ich 2011 die erste Version des MONDFALTER-Stoffes verfasst hatte.

Ich hatte das Manuskript an eine Berliner Agentur geschickt, die mir sofort und wirklich nett schrieb, man befasse sich leider nicht mit Genreliteratur. Dafür empfahlen sie mir eine Fantasy-Agentur — und diese mochte meinen Text. Allerdings wollte man, dass ich den Ich-Erzähler ersetze. Und das wollte ich nicht. Stattdessen habe ich am Stoff weitergearbeitet und den Markt weiter beobachtet.

Ich stieß dabei hin und wieder auf deutsche Autorinnen und Autoren, die ihre fantastischen Stoffe samt eigenem Pseudonym ins Ausland verlegten. So schien es wohl besser vermarktbar?

Fast forward 15 Jahre …

In den letzten Jahren verschiebt sich etwas. Leserinnen und Leser suchen zunehmend nach Geschichten, die näher an ihrer eigenen Wirklichkeit liegen, auch im Fantastischen.

Indie-Verlage, Selfpublishing und Community-Plattformen ermöglichen neue Stimmen. Und das gefällt mir sehr.

Urban Fantasy mit deutschem oder europäischem Setting

Was die Community empfiehlt

Dass das Interesse an Urban Fantasy mit deutschem oder europäischem Setting wächst, zeigt sich auch in Lesercommunities.

In Diskussionen wie diesem Reddit-Thread zu Urban Fantasy in Deutschland und Europa wird immer wieder deutlich, wonach gesucht wird: Geschichten, die vertraute Orte nutzen und sie neu interpretieren – ohne sie zu verfremden oder zu romantisieren.

Denn immer mehr Leserinnen und Leser wünschen sich Urban Fantasy, die nicht so tut, als gäbe es die Realität nicht.

Urban Fantasy aus Deutschland

Urban Fantasy mit deutschem Setting teilt häufig ähnliche Merkmale:

  • ein dunkler, realistischer Ton
  • klare Nähe zu Krimi und Thriller
  • wenig bis keine romantische Verklärung
  • Fokus auf Identität, Schuld, Verantwortung

Das Übernatürliche dient hier nicht als Flucht, sondern als Brennglas. Die Magie verschärft die Konflikte.

Und so entstehen Geschichten, die sich erwachsen anfühlen. Nicht, weil sie brutal sind, sondern weil sie Konsequenzen zulassen.

Moderne Fantasy braucht die Stadt von heute – mit Problemen von heute

Fantasy wirkt auf mich dann besonders stark, wenn sie nicht vor der Wirklichkeit flieht. Reale Städte bringen Widersprüche mit sich, die keine erfundene Welt ersetzen kann. Sie bringen eigene Geschichte(n) mit.

Berlin ist kein einfacher Schauplatz, aber ich liebe diese Stadt, auch wenn es viele Gründe gibt, sie zu fliehen.

Aber wenn die Magie nicht erklärt, sondern infrage stellt, wirkt sie echt. Das urbane Setting unterstreicht es, macht das Leseerlebnis lebendiger.

Manchmal reicht es, langsam durch eine Berliner Straße zu flanieren, um zu verstehen, warum Urban Fantasy hier funktioniert. Dich verlässt nie das Gefühl, dass hinter der nächsten Hausfassade etwas Ungewöhnliches lauert. Und das reicht, um fürs Übernatürliche offen zu sein.